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Moto Morini 9 1/2

Bericht: Ralf Kistner,

Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

 

 


 

Moto Morini 9 1/2

 

 

 

 

Moto Morini – welch einschlägiger Name für eine Motorradmarke aus Italien.

 

Eine lange Tradition steht hinter der Marke. Sie schien verschwunden zu sein nach den großen Erfolgen der Moto Morini 31/2 in den 1970 und 1980ern. Dann stand plötzlich
die 1200er Corsaro in den Startlöchern.

Meine Testfahrten mit dieser Maschine sind im Erinnerungsspeicher im Ordner „Best of“ abgelegt.

 

Nun habe ich die Gelegenheit, die 91/2 zu fahren.

1 Woche wird sie meine zweirädrige Begleitung sein.

Ich freu mich drauf und hole sie ab.

 

 

 

 


Sie funkelt in der Sonne und hat mit ihrem hochgezogenen Auspuff etwas von einem klassischen Scrambler. Stilvoll – und ungewöhnlich für die heutige Zeit – präsentiert sie sich
mit glänzenden Speichenrädern und dem Pirelli Phantom Sportscom mit dem in den 1970ern bekannt gewordenen Retroprofil.

 

 

 

 

 


Vieles andere erinnert an die Corsaro.
Der Gitterrohrrahmen, der Tank und das Instrumentarium kenne ich von ihr.

Die 91/2 wartet ebenfalls mit einem konifizierten breiten Lenker auf, der gute Fahrzeugbeherrschung verspricht. Eine tiefe Sitzmulde und tief angebrachte Fußrasten lassen eine angenehme Sitzposition – dank der Tankform - mit passendem Knieschluss am Tank zu.

 

 

So könnte man annehmen, dass die 91/2 im Gegensatz zur sportlicher wirkenden Corsaro zum gemütlichen Landstraßencruisen gedacht ist.

Das ist richtig – und auch wieder nicht.

Schließlich pocht auch in der Moto Morini 91/2 das große 1187 ccm-V2-Herz.

Pochen ist gelinde ausgedrückt untertrieben.

Der V2 bullert mit kräftigem Bass, nachdem der Anlasser den Motor nach einigen zäh wirkenden Umdrehungen zu donnerndem Leben erweckt hat.


Es geht Richtung Heimat durch das Kochertal. Der Motor ist nach einer kurzen, mit gelegentlichem Spotzen untermalten Aufwärmphase einsatzbereit und hängt willig am Gaszug. Ihm gilt mein erstes Augenmerk. Ich weiß, dass man den in der Corsaro verbauten V2-Kurzhuber für die 91/2 in der Leistungsentfaltung anpasste.

Engere Ansaugwege, modifizierte Steuerzeiten und ein angepasstes Mapping kappten die Spitzenleistung und erhöhten den Durchzug. Das kann ich bestätigen. Und ich spüre schon wieder dieses Verlangen, den Sound der Airbox zu hören, wenn ich das Gas aufziehe.

 

 

 

 

 

Da hat die 91/2 nichts gegenüber der Corsaro verloren. Sie betört genauso, wenn ich Leistung abrufe.

Sofort setzt sie geringste Gasbefehle in fulminanten Vorwärtsdrang um. Sofort beginnt sie turbinenartig zu schieben.

So kenne ich diesen Morini-V2.

 

Das ist immer noch genial – bis sie die Grenze von 6000 U/min erreicht hat. Die Drehzahlgier nimmt spürbar ab. Sie wirkt nun zäher, nicht mehr so willig, wobei ich natürlich immer den Vergleich zur sprintgeilen 1200er Corsaro im Hinterkopf habe. Dagegen ist es für jedes Motorrad schwer,anzukommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Die Leistungscharakteristik fördert spritsparendes Fahren. Ich kann früh hochschalten und cruisen. Doch das wird mir angesichts des kraftvollen Motors schnell zu langweilig.

Das ist einfach nicht mein Fahrstil. Und so ertappe ich mich immer häufiger dabei, wie ich süchtig nach dem verführerisch- kraftvollen Ansaugröcheln giere und die Beschleunigung auskoste.
Ich fühle mich wohl auf dem Italo- Scrambler, solange ich nicht allzu schnell unterwegs bin.

In flotten Kurven mit glattem Belag ist die 91/2 problemlos zu bewegen.

Der breite Lenker ermöglicht schnelle Richtungswechsel, auch wenn die Maschine für satte Schräglagen klaren Körpereinsatz erfordert.

Das ist angenehm, macht Spaß.

 

 

Wenn ich allerdings hart aus Kurven herausbeschleunige, kommt ein untrügliches Schaukeln und Pumpen ins Heck.

Bei jedem Einfedern möchte sich die Morini aufrichten.

Ich muss beständig auf den Kurs achten,

auf meine Linie, von der die Morini bei jedem Einfedern abweichen möchte.

Die hecklastige Gewichtsverteilung, die durch die weit hinten angebrachte Sitzposition noch unterstützt wird, fordert ihren Tribut zulasten der Zielgenauigkeit.

 

 

 

Abtsgmünd.

Ich biege ab nach Neuler.

Wer dieses Streckenstück kennt, weiß,

dass hier ein Fahrwerk schnell an seine Grenzen kommen kann.

Wellen, Frostaufbrüche, Kuppen, enge Kurven, schnelle Richtungswechsel.
Davon hat es auf den paar Kilometern genug.

Die Moto Morini zeigt sich hier störrisch.

Das Fahrwerk wirkt absolut unterdämpft und überfordert. Vorne wie hinten schaukelt und wackelt sie.

 

 

 

Ich kann es nicht glauben und halte an, überprüfe die Fahrwerkseinstellungen.
Das ist vorne schnell geschehen. Die 50-mm-USD-Gabel ist nicht einstellbar.

Hinten trifft mein Blick auf das rechts angebrachte, voll einstellbare Federbein. Ich schraube die Federvorspannung auf volle Härte zusammen. Zudem erhöhe ich Druck- wie Zugstufe deutlich. Weiter geht’s. Und siehe da, plötzlich kommt mehr Ruhe ins Geläuf. Das häufige Nachfedern ist fast vollständig verschwunden. Das ermutigt zu mehr Tempo, zu mehr Schräglagen trotz Asphalt-Patchwork. Der Schrecken ist genommen.

Die 91/2 kann relativ zügig mit ruhigen Nerven bis nach Neuler bewegt werden.
Jedoch bin ich im Nachhinein überrascht, dass die 91/2 in Sachen Fahrwerk so deutlich abfällt ggü. der größeren Schwester Corsaro. Ich lasse die Morini nun laufen. Hunger und Durst treiben mich nach Hause. Ich habe es etwas eilig.

 

 

Mit den geänderten Fahwerkseinstellungen geht das nun gut. Lediglich die Zielgenauigkeit wirkt weiterhin verwaschen. Ich muss mehr als bei anderen Moppeds aktiv auf meine
Fahrlinie achten. Sportliche Einlagen sind auf meinen folgenden Touren und Testfahrten
eher selten. Die Morini 91/2 macht mir mehr Spaß bei zügigem Tourentempo, wo ich zur Genüge den unheimlich antörnenden Soundteppich, gemixt auch brüllend-bassigem
Ansaugröcheln und deutlich sattem Auspuffschlag genießen kann. Und das ist nur geil.

 

 

 

Anders kann ich es nicht beschreiben.

Dieses V2-Kommunizieren ruft bei mir in

deutlicher Regelmäßigkeit Gänsehaut ab.

Da kann ich lässig über die Fahrwerkseigenarten wegsehen und diese unter dem Punkt „Individualität“ verbuchen.

Das macht die Morini 91/2 aus. Ab 2000 U/min

das Gas aufreißen und bis ca. 6000 U/min den Zweizylinder so an der Kette reißen lassen,

dass sie einem fast schon leidtut – und dabei die direkte massive Beschleunigung spüren.

 

Dabei immer schön auf das Vorderrad achten, das sich nur zu gerne gen Himmel streckt.

Hey, das hört sich jedes Mal an wie das Erscheinen des Leibhaftigen.

So müssen die ersten Assoziationen zum häufig verwendeten bösen Blick entstanden sein. Diesen hab ich mit frechem Grinsen auf, als ich Pause mache und kurz in den Rückspiegel
schaue. Ich lasse die bisherigen Testfahrten Revue passieren. Waren es anfangs die Fahrwerksschwächen, die für mich im Vordergrund standen, sind es inzwischen

die Eindrücke, die der mächtige V2- Kurzhuber hinterlässt. Er bestimmt den Charakter dieses Motorrades.

 

 

Weiter geht’s.

Mein Augenmerk liegt auf den Bremsen.

Sie lassen feines Dosieren genauso zu wie derbes Verzögern mit spät gesetztem Bremspunkt. Stahlflexleitungen ermöglichen präzises Ertasten des Druckpunktes. Vorzüglich!

Durch die hecklastige Gewichtsverteilung kann die hinter Bremse auch genug Verzögerungswirkung bis zum Einsetzen des Blockierens zeigen.

 

 

 

 

 

Unterwegs informiert mich ein umfassendes Instrumentarium über wichtige Daten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dann die Einfahrt zur Tankstelle.

Ich lasse das Kunststofffass volllaufen mit dem teuren Nass und beginne zu rechnen.

7,8 Liter bei zügigem Tourentempo.

Etwas viel, aber lange nicht soviel wie die Schwester.

Ich lasse die 91/2 nun für eine Etappe richtig rennen. In den unteren Gängen reiße ich das Gas auf, fliege förmlich von Kurve zu Kurve, pumpe bei hartem Angasen aus den Kurven. Genial, was die Morini hier für ein Feuerwerk abbrennen kann.

Da können die Arme schon mal lang werden. Schließlich wirken 117 PS bei 8500 Umin und max. 102 NM bei 6500 Umin. Grinsen im Helm ist dabei inklusive und kostet keinen Aufpreis. An der Tankstelle bin ich positiv überrascht: 8,5 Liter. Das ist für die Fahrweise ok, auch wenn die Konkurrenz inzwischen 1,5-2 Liter weniger verbraucht. Dafür fehlt es der Konkurrenz häufig auch an echtem Charakter.

 

 

 

 

 

 

 

Fazit:


Die Moto Morini 91/2 nimmt auf dem heutigen Markt sicher eine Sonderstellung ein.

In Zeiten, wo Fahrwerksschwächen kaum mehr auftreten, wirkt das klar unterdämpfte
Fahrwerk nicht mehr zeitgemäß. Allerdings kann das leicht im Werk nachgebessert werden. Oder man greift ins Zubehörregal und eliminiert die Unarten, die jedoch hauptsächlich
bei fordernder Fahrweise auftreten. Der „normale“ Landstraßenfahrer wird an die von mir genannten Grenzen sicher selten kommen. Was bleibt, ist ein charakterfestes Motorrad, das deutliche Emotionen weckt und vor jeder Eisdiele eine gute Figur macht. Sowohl Sound als auch die Leistungsentfaltung wecken Lebensgeister. Die niedrige Sitzbank erlaubt es auch
kleinen Mitmenschen, in den Genuss dieses genialen V2 zu kommen.
Und für die Reise stehen Tankrucksack bzw. Koffer beim Morini-Händler bereit.

 

 

Technische Daten:


Hubraum: 1187ccm
Leistung kW ( PS): bei 8000 U/min 77 (105)
Drehmoment Nm (kpm): bei 5700 U/min 105 (10,7)
Bauart, Zylinderzahl: V 2 4-Takt
Bohrung / Hub mm: 107,0/66,0
Verdichtung : 1 12,5
Gassteuerung: Ventile dohc
Abgasreinigung: G-Kat Einspritzung
Zahl der Gänge: 6 Hinterradantrieb
Federweg v / h mm 150/150
Lenkkopfwinkel: Grad 65,5
Nachlauf: mm 103
Radstand: mm 1450
Reifen vorn 120/70 R 17
Reifen hinten 180/55 R 17
Sitzhöhe: mm 795
Leergewicht: vollgetankt kg ca.215
Tank / Reserve: Liter 19,0/6,0


Preis inkl. MwSt.: mit Nebenkosten Euro ca. 11 500

 

 

 

 

 

 

 



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