Berichte
  Motorrad
Benelli TNT 899

Bericht & Bilder: Jakob Leidenberger

 

 

 


 

 

 

Hornissen-Killer


 


Wie war das doch gleich damals im Biologieunterricht?
Genau, Darwin hieß der Kerl.

Evolutionstheorie. Natürliche Auslese. Nur die Stärksten überleben.
Glaubt man dem Ganzen, dürfte sich der Typ vor mir an der Ampel eigentlich sicher fühlen.
Schließlich führt sein Bike das Typenkürzel "Hornet", also Hornisse.
Womit wir wieder im Biologieunterricht wären. Hornissen, das sind ja bekanntlich diese schwarz-gelben Kampfinsekten, die man besser nicht herausfordert.

Stehen in der Stichskala ganz oben, weit vor den eifrigen Bienchen, den pummelig-zahmen Hummelchen und den schon etwas gemeineren Wespen.

Wer sein Bike also Hornet nennt, der hat entweder nichts zu fürchten oder will vielmehr das Fürchten lehren!

Doch es kommt vor, dass einem in der Praxis selbst die beste Theorie nichts nutzt.

 

 

 

 

Der Kerl mit seiner Hornet wirkt jedenfalls nicht ganz so selbstsicher, wie man es sich von einem, der es mit Hornissen aufnimmt, erwarten würde. Guckt alle paar Sekunden hektisch in die Rückspiegel seiner goldfarbenen 600er und versucht das orange Teil hinter ihm mit dem fiesen Insektengesicht – eine brandneue Benelli TNT 899 Sport – zu identifizieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fasst hätte der Hornissenmann vor lauter Glotzerei noch die Grünphase verpasst!

Doch scheinbar ist die Verzweiflung der Zuversicht gewichen, denn der Kerl legt
einen herausfordernden Ampelsprint hin!

Na gut, wir wollen mal nicht so sein. Für einen kurzen Moment und mit einem breiten Grinsen lasse ich den Hornissenmann in seinem Glauben, dass er von uns beiden derjenige mit dem längeren Stachel ist! Da Größenwahn aber bekanntlich schlecht für den eigenen Charakter ist, beschließe ich das allgemeine Weltbild durch einen beherzten Zug am Gasgriff wieder
gerade zu rücken.

Lieber Hornissenmann, willkommen zurück in der Realität!

 

 

 

Kleiner Trost:

Die TNT hat ihre Schokoladenseite nicht nur vorne, sondern auch hinten!

Diese klitzekleinen Leuchtdiodenlichter und
der schöne Underseat-Auspuff…

Das TNT-Design wirkt jedenfalls auch nach zwei Jahren noch immer taufrisch und sorgt bei etlichen Zeitgenossen am Straßenrand für offene Münder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Glück haben die Benelli-Macher bei der 899 in Punkto Aussehen alles beim Alten belassen.

Damit gilt auch weiterhin:

Gemein dreinblickender Insektenkopf vorne,

bullige Wespentaille in der Mitte,

giftiger Auspuffstachel hinten… ohne Zweifel holten sich die Benelli-Designer ihre Inspirationen im Insektenreich.

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

Das polarisierende Äußere der Kategorie "mutierte Killer-Hornisse" ist jedenfalls eine willkommene Abwechslung im Segment der sportlichen Naked Bikes um die 10.000 Euro (bzw. 10.490 für die hier getestete SVersion). Verpackt in schreiendschrillem Orange wirkt die 899 gleich noch ein Stück aggressiver als in Schwarz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neu ist lediglich das Dreizylinder- Herzstück, das unter den knappen Bikini- Seitenteilen hervorlugst. Damit erweitert sich der TNT-Baukasten "nach unten" und bietet mit der 899 eine Alternative zur 1130er-Baureihe. Die Idee mit dem 900er-Motorenkonzept ist aber gar nicht so neu wie zunächst angenommen. Schließlich begann die Reanimationsphase für Benelli im Jahre 2002 ebenfalls mit einem 900-Kubik-Dreizylinder. Damals war es die legendäre Sportskanone Tornado, die den Namen Benelli wieder in unsere Hirne einbrannte und bei so manchem für ein ernstes Gespräch mit dem freundlichen Kreditberater des heimatlichen Geldinstitutes sorgte. 2004 folgte schließlich der geniale Entwurf der dreizylindrigen Wuchtbrumme TNT, mit der sich Benelli sogleich in der Champions League der Naked Bikes wiederfand. Wer einen kurzen Blick auf das Datenblatt der 1130er-TNT wirft, der erkennt schnell, dass sich Motorleistung und Design recht gut ergänzen – immerhin reißen beeindruckende 137 PS an der Kette des Dreizylinders.

 

 

Da stellt sich natürlich sofort die Frage, wie viel davon in der kleineren 899er-Version übrig geblieben sind. Angesichts der immerhin noch 120 Pferdchen dieses Aggregates macht sich jedenfalls alles andere als Enttäuschung breit – ein stumpfer Stachel sieht anders aus. Spätestens beim Druck auf den Anlasser wird dann auch dem letzten Laien klar, dass es sich hierbei nicht um eine kleine, handzahme Light-Variante der 1130er handelt.

Die Bezeichnung "kleine TNT" scheint angesichts der 900 Kubik ohnehin nicht angebracht zu sein. Der imposante Sound, der sich nur schwer in Worte fassen und am ehesten als eine Mischung aus mechanisch-kratzigem und heiserbetörendem Dreizylinderrasseln beschreiben lässt, befördert jedenfalls jede Assoziation mit dem Wort "klein" ins Jenseits.

Angespornt durch dieses krasse Sounderlebnis will man nur noch aufsitzen und lossprinten – ein Wunsch, der mir freundlicherweise von Alex Nolte, dem motorradverrückten Besitzer der edlen Bikerschmiede "Maniac-Motors", erfüllt wurde.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für das schöne Wochenende mit der TNT!

 


Nach einem längeren Fotostopp geht es quer durch die Nürnberger Innenstadt.

Angesichts hochsommerlicher Temperaturen kommt die TNT ebenso wie ihr Fahrer sehr schnell auf Betriebstemperatur – umso besser, da sich hier schon einmal der ein- oder andere Zwischensprint einlegen lässt. Somit entsteht schon ein erster Vorgeschmack dessen, was nach dem Ortschild auf mich zukommt.

Bis auf ein paar kurze Gasspielchen habe ich mich bisher mit dem Aufreißen zurückgehalten. Da mir jedoch schon einige Kilometer auf einer 1130er-TNT vergönnt waren, bin ich umso mehr auf den Druck der 899 gespannt.
Kaum sind diese Beschleunigungsgedanken zu Ende gedacht, da rauscht auch schon das Ortsschild heran.

Prompt erfolgt ein munterer Zug am Gas… na da schau her, da geht ja einiges!
Der durchgestrichene Nürnberg- Schriftzug fliegt in Schallgeschwindigkeit an meinem Visier vorbei und es fühlt sich einfach herrlich an, wie dieser Dreizylinder ab 5000 Umdrehungen in Richtung des roten Bereiches losmarschiert. Das kernigmechanische Rasseln des Dreizylinders geht derweil in ein stakkatoartiges Nageln über. Freilich ist trotz aller gebotenen Unterhaltung ein Unterschied zwischen beiden Motorvarianten spürbar – während die große TNT aus jeder Drehzahlregion auf Wildeste drauflos schiebt, verlangt die 899er nach einem munteren Schaltfuß und nach Drehzahlen.
Kommt man diesem Verlangen jedoch nach, verwöhnt einen die Benelli mit satten Beschleunigungswerten jenseits des gesetzlich Erlaubten. Man steht permanent mit einem Fuß im Knast. Zwischen 5000 und 8000 Umdrehungen geht jedenfalls ordentlich der Punk ab, weshalb man sich nur zu gerne in diesem Bereich tummelt. Aber das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass das Reiten auf der Drehmoment-Welle ausgeschlossen ist. Schließlich schraubt sich das 899er-Triebwerk selbst aus niedrigen Drehzahlen in höheren Gängen ganz ordentlich nach oben – den schnellen Sprint mag es trotzdem viel lieber. Auch hier gilt, dass man nicht den Vergleich mit dem satten Aggro-Punch des 1130er-Aggregates suchen sollte, denn für sich betrachtet ist der verfügbare Drehmomentdruck mehr als ordentlich. Bei aller Bewunderung, welche der große 1130er-Dreizylinder auslöst – in entsprechender Verpackung kostet er auch satte 3.500 mehr als die Standardausführung der 899 bzw. 4.000 Euro im Falle der 899 Sport.

 


 

Apropos Sport… das Fahrwerk der Benelli ist wirklich über alle Zweifel erhaben und genügt auch höchsten sportlichen Anforderungen. Die straffe Grundabstimmung der voll einstellbaren Federelemente passt jedenfalls perfekt zur TNT. Und wem es doch mal zu hart zugeht, der hat zumindest bei der Sport die Möglichkeit nachzujustieren.

Aber machen wir uns nichts vor:

Die TNT ist kein Bike für Gemütlichkeitsfanatiker, sondern spricht eher die Freunde der Überholspur an. Wer mit ihr liebäugelt, der will nicht cruisen, sondern heizen. Von daher überrascht die straffe Grundauslegung von Gabel und Federbein nicht wirklich, sondern unterstreicht nur noch einmal die sportlichen Gene der Benelli. Zum stetigen Verlangen nach dem Limit steuert auch die ebenso sportliche wie bequeme Sitzposition ihren Teil bei, die den Fahrer in ständiger Angriffs- und Lauerstellung verweilen lässt, von der aus er das Geschehen auf der Straße gut überwachen kann. Trotz reichlich vorhandener Sportlichkeit sind jedoch  eine schmerzhaften Opfer zu bringen – die Anordnung von Lenker, Sitzpolster und Rasten ist perfekt aufeinander abgestimmt. Einzig die dünne S i t z p o l s t e r u n g macht sich nach kurzer Zeit etwas negativ bemerkbar. Jedenfalls sorgt die Kombination aus angenehm- sportlicher Sitzposition und knackigem Fahrwerk bei jeder noch so geringen Biegung für reinstes Glücksgefühl. Von kurvenreichen Streckenabschnitten ganz zu schweigen. Einen großen Anteil am positiven Fahrerlebnis hat sicherlich  auch die Erstbereifung. Dank der montierten Dunlops lassen sich auch größere Schräglagen ohne  Angstzustände erklimmen, der Fahrer bekommt jederzeit ein gutes Feedback was noch geht bzw. wann besser Schluss mit dem Abwinkeln sein sollte. Und so klappt die TNT souverän von einer Kurve in die nächste. Dass sie nicht von alleine in die Kurven hineinfällt, sondern eines leichten Antippens des Lenkers bedarf, gefällt mir irgendwie. Denn für mich gibt es nichts Schlimmeres als überhandliche Motorräder, die wie von Geisterhand in die Kurve purzeln und auf der geraden dann nervös herumeiern.
Von  Schräglagenarbeit kann bei der Benelli jedenfalls keine Rede sein – schon eher von einer genussreichen Kurventänzerei. Das Fahrwerk bringt dabei so schnell nichts aus der Ruhe, die 899 liegt jederzeit satt auf der Bahn.

In Punkto Fahrwerk knallt die TNT jedenfalls eine Performance hin, die absolut  Maßstäbe setzt.

 

 

In der Preisklasse "bis 10.000 Euro" durfte es nur wenig ernstzunehmende Konkurrenz geben. Wer sich den sportlichen Genen der TNT gegenüber in der Pflicht sieht und die Sprinterqualitäten  des Motors gerne nutzt, der wird sich über effektive Geschwindigkeits-vernichtungswerkzeuge aus dem Hause Brembo freuen.

Egal ob man auf der Hausstrecke mal wieder jenseits von Gut und Böse  unterwegs ist und im Gebüsch einen laserpistolenbewaffneten Freund und Helfer erspäht oder der nette Opa von nebenan so mir nichts dir nichts und ohne zu blinken einfach drauflos fährt – es darf ruhigen Gewissens beherzt zugepackt werden. Wenige Sekunden später ist die Benelli wieder im legalen Bereich unterwegs bzw. lässt die Räder ruhen. Sowohl die Dosierbarkeit als auch die Wirkung der Stopper  verdienen Lob – das gilt sowohl für vorne als auch für hinten. Selbst Schreckbremsmanöver nehmen die Brembos nicht übel.

 

Kritikpunkte finden sich jedenfalls kaum – einzig der mit sieben Litern etwas hohe Sprit - brauch und das Drehzahlloch beim Anfahren, das dafür sorgt, dass der Motor besonders
TNT Neulingen öfter einmal abstirbt, sind in der Mängelliste aufzuführen.

 

 

 

Von diesen beiden Kritikpunkten einmal abgesehen,

verdient die Benelli vor allem eines:

 

Dickes Lob und einen satten Applaus für ein derart sportlich geschnürtes Funpaket.

 

Neben dem sprintgeilen Dreizylindermotor und dem knackigen
Sportfahrwerk begeistert mich persönlich aber vor allem die insektenartige Erscheinung der TNT.

So frech, so frisch, so frei von bisherigen Designkonventionen. Dass muss man sich erst einmal trauen (so zu bauen).

 

 

 

 

 

 

Jedenfalls wirkt es gelegentlich so, als ob an der einen oder anderen Stelle noch die Bleistiftschwünge des Erstentwurfes durchschimmern.

Während japanische Bikes nach dem  Studiendasein erst einmal weich- und glattgespült werden, scheinen sich im Falle der TNT die verspielten Linien des Anfangsdesigns in den Verkaufsraum gerettet zu haben. Respekt!

 


Fazit:


Wer in der "um die zehn Riesen"- Preisklasse

nach einem außergewöhnlichen Bike mit Hinguckfaktor sucht,

das zudem nicht an jeder Ecke herumsteht, der findet in der TNT 899 seinen Meister.

Der nach Drehzahlen gierende Dreizylinder-Schreihals, das sportlich ausgelegte Fahrwerk und die  Hochleistungsstopper wenden sich jedoch an die Sportsfreunde unter uns,

die mit Lenkerstummeln und Plastikverkleidungen nicht besonders viel anfangen können. Dass mit einer aufrechten Sitzposition und einer breiten Lenkstange

genauso Extremsport betrieben werden kann, unterstreicht die TNT 899 eindrucksvoll. Eigentlich schade und doch auch wieder gut, dass es von dieser Sorte Motorrad nicht unendlich viele gibt.

 

 

 

 

 

Bericht & Bilder: Jakob Leidenberger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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